DER VEREIN

1. Vorbemerkung

Am Sonntag, dem 30.01.1994, versammelten sich 10 Jugendliche in Großenhain. Der Zweck der Versammlung war die Gründung eines Jugendvereins. Es hatte sich gezeigt, dass ein gemeinsames Interesse der Jugendlichen besteht, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. In unserem Verein haben sich junge Menschen zusammengefunden, deren Ziel es ist, der zunehmenden Perspektivlosigkeit und Desorientierung, vor allem unter Jugendlichen, Angebote entgegenzusetzen. Eine der Ursachen für die Resignation und dem daraus resultierenden Gefühl der Ohnmacht und Sinnlosigkeit, ist die im Steigen begriffene Arbeitslosigkeit, aber auch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung trägt ihren Teil dazu bei: die lebensbedrohende und lebensfeindliche Zerstörung der natürlichen Umwelt, die Zunahme an rassistischen und fremdenfeindlichen Gedanken und Handlungen, die zunehmende Rationalisierung und an Materialismus orientierten Wertvorstellungen und vieles mehr. Das Conny-Wessmann-Haus, unser Treffpunkt, wurde kurz nachdem es von uns per Mietvertrag von der Stadt Großenhain zugeschrieben wurde, durch Gewaltanwendung von rechten Jugendlichen erheblich zerstört. Der damalige Sachschaden betrug ca.150.000 DM. Die Gewalt von Jugendlichen wird von uns als ein ernstzunehmendes Problem eingeschätzt, vor allem die sich durch fremdenfeindliche auszeichnende, auf Andersdenkende gerichtete. Auch in der Studie der freien Universität Berlin in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Europäische Bildungsforschung e.V. vom April 1998 wird festgestellt: ?Politische Sozialisation findet in der Familie und in anderen Institutionen, vor allem in denen, die systematische Bildung vermitteln, aber auch in Freizeitgruppen statt.? Weiterhin wird in dieser Studie, die sich mit Lebensstilen Berliner Jugendlicher beschäftigt, Bezug nehmend auf Ostberlin davon ausgegangen, ?...dass die rechten Parteien zur stärksten Gruppierung werden.? Diese rechten Einstellungen werden zu einem entscheidenden Anteil durch Werturteile bestimmt. Die Autoren schlussfolgern, dass präventive Maßnahmen ?eine wichtige Funktion haben?. ?Über den Erfolg wird entscheiden, ob es gelingt, für Jugendliche attraktiv zu sein, und in wieweit es gelingt, Jugendliche in ihrer Entwicklung zu unterstützen.? Diese Wertvorstellungen werden vor allem im Jugendalter ausgebildet und verfestigt. (Merkens, Steiner, Wenzke: Lebensstile Berliner Jugendlicher 1997. Berlin, April 1998). Diese und andere Analysen bestätigen die Bedeutung von Jugendzentren, die den Jugendlichen die Möglichkeit bieten, ihre Vorstellungen und Werte in Form von Gesprächen, Informationen und Diskussionen zu überprüfen und in der Weiterentwicklung der eigenen Gedankengänge Unterstützung zu finden sowie in Selbstorganisierten Projekten außerschulische Bildung oder Themenorientierte Veranstaltungen anbieten. In unserem Haus soll dazu Gelegenheit sein. Das mittleweile per Erbauvertrag dem Verein zur Förderung alternativer Jugendarbeit e.V. gehörende Gebäude auf der Skassaer Str. 46 soll von und für Jugendliche ausgebaut und nutzbar gemacht werden. Dabei soll möglichst ein vielfältiges Spektrum sozialer und kultureller Art integriert werden. Eine unabdingbare Voraussetzung für die Weiterführung der Arbeit ist die vollständige Sanierung des Hauses. Durchgeführt wurden folgende Sanierungsmaßnahmen: · vollständige Erneuerung des Daches · Einbau von neuen Fenstern und Türen · Her- und Einrichtung eines Cafés, eines Konzertsaales und Aufenthaltsräumen · Erneuerung der sanitären Anlagen · Einbau einer Heizung · Verlegung neuer elektrischer Anlagen · Brandschutzsicherung · Wärmedämmung des Gebäudes Nötig sind: - Ausbesserungsarbeiten an der Fassade - Lärmschutz des Konzertsaales - Ausbau der Büroflächen (Fenster, Lagerflächen, Archivflächen)

2. Zielstellung

Eines unserer Wege und Ziele ist die Schaffung eines Treffpunktes, an dem sich über und mit Themen wie: Rassismus, Gewalt, Ökologie, Menschenrechte, Antifaschismus u.v.m. auseinandergesetzt werden kann. Diese Auseinandersetzung findet gemeinsam mit Besuchern des Hauses statt. Jugendliche, die sich auf der Suche nach Identität und Unterstützung bei der Bewältigung von Problemen individueller, gesellschaftlicher, zwischenmenschlicher oder sonstiger Art befinden, sollen an unserem Treffpunkt Partner finden, die Gesprächsbereitschaft und Informationen anbieten. Auch soll Raum und Zeit sein, sich einfach zusammenzusetzen und zu quatschen. Vor allem sozial benachteiligten Jugendlichen steht das Haus offen, dies widerspiegelt sich nicht nur in den geringen Eintritts- und Getränkepreisen wieder, sondern auch in einem offenem Umgang und dem Angebot zur Unterstützung unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie den Angestellten des Hauses. Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die eigene Wege ausprobieren möchten, wollen wir dafür den notwendigen Freiraum bieten. Als wichtiger Ansatzpunkt der Persönlichkeitsentwicklung und Identifikation sollen die Besucher des Hauses ihre Interessen, ihre Stärken und Schwächen auf verschiedenen Gebieten kennen lernen können. Auf diesem Weg sollen sie sozialpädagogisch unterstützt werden, unter anderem durch Anregungen und Motivation. Dabei soll auf die Hilfe untereinander (auf)gebaut werden, d.h. die Gruppe spielt eine wichtige Rolle, wenn es um gegenseitige Unterstützung geht. Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt besteht in der Sensibilisierung für bestimmte aktuelle, geschichtliche, gesellschaftliche und individuelle Probleme, die Aufmerksamkeit für diese soll durch Gespräche, Diskussionsrunden, Vorträge, Filme o.ä. Mittel geweckt werden. Ein wichtiger Grundsatz bei dieser Arbeit ist, die Jugendlichen nicht mit Vorgefassten, allgemeinen Meinungen zu konfrontieren, sondern sie zum eigenen Nachdenken anzuregen. Durch feste Ansprechpartner soll das Haus als Anlaufstelle dienen, die Besucher des Hauses zu befähigen, auch mit Behörden, Formularen u.a. bürokratischen Sachverhalten selbständig umgehen zu können. Sie sollen dadurch auch lernen können, Ihre Interessen zu vertreten. Jugendliche, die ehrenamtliche Strafstunden leisten müssen, finden am Haus dazu Gelegenheiten. Den jugendlichen Konzertbesuchern soll eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung geboten werden. Durch das gemeinsame Erleben von Live-Veranstaltungen soll den Jugendlichen die Integration in eine Gruppe erleichtert werden. Da vor allem Nachwuchsbands bevorzugt auftreten sollen, die versuchen, sich mit bestimmten Themen auseinander zusetzen, ist davon auszugehen, dass sich diese Auseinandersetzung mit verschiedenen Problemen der Jugendlichen auf die Konzertbesucher überträgt. Durch eine Vielfalt an Angeboten, soll die Möglichkeit geschaffen werden, zu lernen, in Eigenverantwortung sinnvolle Aufgaben zu übernehmen.

3. Zielgruppe

Zielgruppe sind vor allem Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 21 Jahren, die sich kreativ und eigenständig engagieren wollen. Ein Großteil unserer Besucher stammt aus schwierigen Familenverhältnisen mit hoher Arbeitslosigkeit und sozialen Benachteiligungen. Besonders diese Jugendlichen werden von uns unterstützt und gefordert, sich selbstsändig zu engagieren, eigene Vorstellungen zu äußern und diese auch umzusetzen. Die Besucher des ?Conny-Wessmann-Haus? kommen unmittelbar aus Großenhain und der Umgebung kommen. Geplant ist aber auch eine Gebietsübergreifende Zielgruppe, die vor allem bei Veranstaltungen angesprochen werden soll. Eine Zusammenarbeit findet auch mit anderen Gruppen statt, ebenso wie mit den jugendrelevanten Gremien, z.B. dem Jugendamt, der Jugendgerichtshilfe, der Stadtverwaltung Großenhain, dem Kreisjugendring, dem Arbeitsamt, dem Sozialamt , Schulen u.a.. Durch einen offenen Umgang und dem Angebot zur gegenseitigen Unterstützung sowie durch sehr niedrige Eintritts- und Getränkepreise werden auch sozial Benachteiligte angesprochen. Auch steht das Angebot, gemeinnützige Arbeitsstunden bei uns im Verein leisten zu können.

4. Umsetzung

Unsere Vorstellungen, Ideen und Planungen hängen zu einem wesentlichen Teil von der Umsetzung der notwendigen Baumaßnahmen ab, aber auch von der Schaffung von wenigstens zwei Stellen zur pädagogischen Betreuung und Projektplanung des Vereins und des Vereinssitzes. Momentan verfügt der Verein über eine 1/3 Stelle einer Jugendkoordinatorin und Pädagogin der Stadt Großenhain. Die Erfahrung hat gezeigt, dass nur eine kontinuierliche Arbeit sinnvoll und effektiv ist. Doch steht die ehrenamtliche Tätigkeit nach wie vor an erster Stelle. Die oben angeführten Zielvorstellungen sollen, wie bereits erwähnt, durch Gespräche, Diskussionen, Filme und dem Bereitstellen von Freiräumen sowie Informationsmaterial erreicht werden. Ein Café mit einer kostenlosen Medinbibliothek zu gesellschaftlichen Themen dient als zentraler Treffpunkt. Ebenso befinden sich in der unteren Etage die Küche, die sanitären Anlagen und der Konzertsaal. In der oberen Etage befindet sich der Vereinsraum, in dem zum Beispiel die Materialien gesammelt und gelesen oder Gespräche geführt werden können. Die kulturelle Vielfalt an Angeboten wird durch die Konzertveranstaltungen erweitert. Verweisen möchten wir an dieser Stelle auf die - Antirassistischen Wochen, die jährlich stattfinden, - regelmäßige Lesungen (Themenbereiche: Jugendkulturen, Gesellschaftliches Miteinander) - Vorträge (aktuelles zeitgeschehen, Jugendpolitik) - Filmabende (dokumentarische geschichtliche Abhandlungen) - Konzerte (Nachwuchsgruppen aus der Region mit vornhemlich jungen Musikern) - Ausstellungen (Fremdenfeindlichkeit, Demokratie und Toleranz) - Workshops (Literatur, Film, Musik) - Multiplikatorenschulungen (Sucht- und Drogenprävention) - Exkursionen (Gedenkstättenfahrten) - Kreativangebote - Medienbibliothek (Bücher, Broschüren, Filme zu Jgendrelevanten Themen und Jugendpolitik) Wir betrachten das Conny-Wessmann-Haus" als vorraniges Projekt des Verein. Die Erhaltung der Einrichtung als Freiraum für Kinder und Jugendliche ist vorderstes Anliegen des Verein. Kleine Projekte werden auf ehrenamtlicher Basis ohne größere Finanzielle Aufwendung durchgeführt. Diese Kleinprojekte werden von Kindern und Jugendlichen im Alter von 14 ? 21 Jahren durchgeführt. Dazu gehören vor allem Kreativangebote wie Treffen schreibender Jugendlicher, Bandproben junger Musiker und Jugendgruppennachmittage verschiedener Initiativen aus Natur,- Tier- und Umweltschutz. In diesem Jahr werden wir auch unsere Filmabende fortsetzen, d.h. es werden regelmäßig Themenzentrierte Veranstaltungen mit anschließendem Diskussionsangebot durchgeführt. Des Weiteren werden in unserem Haus Veranstaltungen zu den Themen Sucht und Antirassismus stattfinden, zu welcher sachkundige Referenten geladen werden. Damit sollen vor allem auch SchülerInnen aus Großenhain und Umgebung angesprochen werden. Auch möchte der Verein für junge Künstler die Möglichkeit schaffen, ihre Werke der Öffentlichkeit vorzustellen. Strafstundenleistenden wird angeboten, ihre gemeinnützigen Stunden bei uns im Verein abzuleisten, dieses Angebot wird auch genutzt. Den Ideen und Interessen des Besucherspektrums ist Vorrang zu gewähren, auf diese soll in angemessener Weise eingegangen werden und die Jugendlichen in ihren Vorhaben Unterstützung finden. Weiterhin konnte gemeinsam mit dem Programm Civitas des Bundesministeriums für Familie eine Netzwerkstelle zu Beratung und Koordinierung antirassistischer und antifaschistischer Organisationen, Initiativen und Vereine eingerichtet werden. Diese Stelle arbeitet seit 2002 , der Träger der Stelle ist der Verein zur Förderung alternativer Jugendarbeit e.V.. Des Weiteren wurde das antirassistische und antifaschistische Projekt "Wie viel Hass wollt ihr noch?" gemeinsam mit Civitas seit 2001 - 2003 erfolgreich durchgeführt werden. Hierfür erhielten wir vom Bundesministerium für Familie ein Förderung. In den letzten Jahren konnte der Verein eine Vielzahl an Projektpartnern gewinnen.

5. Finanzierung

Die notwendigen Baumaßnahmen können nur durch Fördergelder realisiert werden. Eigenleistungen werden in Form von Eigenmitteln, aber vor allem in Form von Eigenleistung erbracht. Zur Deckung der Betriebskosten werden einerseits Gelder beim Kreisjugendamt beantragt, andererseits sind diese durch Veranstaltungen selbst zu erbringen. Die Jugendlichen der Stadt und ihrer Umgebung sollen durch die Gestaltung und Gestaltungsmöglichkeiten zu verantwortungsbewusstem Handeln angeregt werden. Sie sollen die Möglichkeit haben, ihre Phantasie und Kreativität auszuleben, um einen eigenen Sinn für ihr Leben und die Zukunft in dieser Stadt zu gewinnen. Sie sollen angeregt werden, selbst Handlungsmöglichkeiten und -spielräume zu finden und zu nutzen, sich gewahr werden, ihr Leben in die eigene Hand nehmen zu können.